thinrinuum

Ich lebe in Berlin. wurde 1983 geboren and sammle dies und das im Internet für jeden und keinen.
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Schaltet den Schmerz ab!

(das ist keine vorsätzliche wumpscut-Anspielung) Ich möchte duschen, ich rieche es noch. Ich bin längst zuhause und bilde mir ein der Gestank wäre immernoch da! Mir ist eben gerade regelrecht die Kotze hochgestiegen. Was ist das? Was ist das für ein widerlicher Geruch, der diesem Obdachlosen in der Bahn heute anhing? Er sagte, er hätte einen entzündeten Fuss. Alle Anwesenden haben sich die Nase zugehalten, eine Frau hat sogar die Flucht ergriffen. Ein andere Frau meinte zu ihrer Tochter, das wäre ein Junkie gewesen, bei dem sämtliche Körperstellen entzündet wären. Neulich meinte ein anderer Obdachloser zu mir, dass dieser Geruch von seinen offenen(!?) Beinen stammen würde. Ich vergesse diese Begnungen nicht. Eine alte Frau meinte dann heute eine Minute später, nachdem der Obdachlose verschwunden war, zu einem anderen es wäre ja jetzt vorbei, er solle und könnte jetzt wieder gerade stehen, die ganze Zeit müsse man ja nun auch nicht so tun. Eine unglaublich intensive Erfahrung mit diesen Menschen war das dort heute - gemeinsam in dem wirklich wahrhaftigen Gestank des Elends. Ich hatte genau noch einen Cent bei mir, das muss man sich mal vorstellen. Keiner hat ihm Geld gegeben - niemand! Er hat gebettelt, seit einer Stunde versuche er seinen heißen Abendtee zusammenzuschnorren, aber er hat es nicht geschafft, so schwer sei es, hätte denn niemand ein bisschen Geld übrig? fragte er. Nein, hatten wir(!) nicht. Der Mann wird jämmerlich verecken - eine Tragödie, so schlimm, dass sich nicht die unerschrockendsten Aufklärer trauen, selbiges auch nur fiktiv zu verfilmen. Und wenn doch, dann schaut es niemand an und wenn doch, dann bitte vor dem Hintergrund eines anderen Landes, einer anderen Stadt. Das heute war auf jeden Fall zu nah für mich. Er hat mir nichtmal in die Augen gesehen. Es war nicht der Mann selbst, der diese Begegnung für mich so einschlägig gegenwärtig erscheinen lässt, sondern der Umstand mich in einem fast geschlossenen Raum zu befinden und die vielen anderen Menschen! Jetzt erst schreibe ich das auf. Vor zwei Wochen schon bin ich gerade von einer Schnackeirei mit meiner besten Freundin nachhause gekommen und sehe vor unserer Kaufhalle, dh, die, die nur einen Steinwurf von der Wohnung entfernt ist, diesen einen Obdachlosen sitzen, der mir schon vorher mal aufgefallen war, weil er so wahnsinnig dünn von Weitem aussah und fragte, ob ich ihm was mitbringen könnte, ich musste noch Milch kaufen. Was wollte er haben? Nach kurzen Überlegungen entschied er sich für einen großen Kaffee mit 4x Milch und 10x Zucker. Als ich dann wieder rauskam hockte ich noch eine ganze Weile bei ihm, in der er mir so einiges über sein leben erzählt hat. Ich werde das jetzt aufschreiben, zumindest den Teil, den ich noch in Erinnerung habe. Ich würde jetzt an deiner Stelle wahrscheinlich garnicht weiterlesen. Das ist das, was mich am dauerhaftesten erschreckt. Da ich nur am Starren war, als er nacheinander die Milch und den Zucker in den Kaffee kippte, fragte ich ihn, ob er irgendwo schläft, wo es einigermaßen warm ist. Er sagte, er schläft in einem Hausflur in der Nähe. Ich sagte, dass es kalt wäre, warum er nicht in so eine Obdachlosenunterkunft geht. Dann habe ich mich hinuntergehockt und trotzdem nicht gleich verstanden, was er meinte als er sagte, dass man sich dort den Raum mit vielen anderen teilen müsste, obwohl ich in dem Moment den Gestank schon längst gerochen hatte. Er musste aus der Wohnung, die er mit einem Kumpel bewohnte, verschwinden, da sind Ratten gewesen. Seine Beine haben sich entzündet und es heilt nicht, das wäre der Grund, weshalb er so riecht. Er würde ja gern zum Arzt gehen, aber das geht nicht. Ich habe nicht genauer nachgefragt, ich hatte ehrlich gesagt Angst, er würde mir seine Beine zeigen. Hat er nicht. Ich habe dann gefragt, wie er überhaupt die Schmerzen erträgt und ob er irgendwas genommen hat. Nein, sagte er, hat er nicht und an die Schmerzen gewöhnt man sich, nur abends ist es besonders schwer zu ertragen, wenn man schlafen will. Er hat mir die tiefe Einstichwunde in seiner Ellenbeuge gezeigt. Alles wäre irendwie schief gelaufen. Ich habe ihn auf 29 geschätzt. Er sagte er sei 23. Eine Kleinigkeit hätte das alles ausgelöst. Die ganze Situation kam mir sehr unwirklich vor, vor allem in dem Moment als ein Kind direkt neben uns zu spielen anfing und laut seiner Mutter irgendwelche Dinge zurief, die direkt neben mir stand. Er erzählte noch dieses und jenes bis er, als dieses Spiel noch einen Moment andauerte, etwas lauter sagte, dass ich ihm eine geladene Pistole besorgen sollte, wenn ich ihm wirklich einen Wunsch erfüllen wöllte. Den Ernst in seinen Augen wag ich nicht zu beurteilen. Für meine Verhältnisse wirkte er vergleichsweise nüchtern. Ich sagte, ich habe keine und würde das auch nicht machen. Er sagte, das wüsste er doch, war doch nur ein Scherz. Ihm fiel dann auf, dass ich einen Löffel zum Rühren vergessen hatte mitzubringen, den ich gleich holte, nachdem ich ihm den Löffel gegeben hatte bin ich gleich gegangen. Ich wünschte ihm noch alles Gute oder so ähnlich, was mir natürlich, wie so ziemlich alles Gesagte, gleich im Hals stecken blieb, obwohl es doch schon ausgesprochen war. Das ist eine ziemlich öffentliche Angelegenheit, wer hätte nicht ähnlich dämlich reagiert wie ich? Was kann man denn noch tun außer nichts, sollten wir paar Leute, die dieses blog kennen, mal überlegen. Oder zumindest darüber nachdenken, dass es manchmal nur der Zufall ist, der an der Grenze der Gesellschaft Ränder wegrutschen und sterben lässt!